„Verlässlichkeit, Tempo und Klarheit“
Wie kann die Landeshauptstadt Kiel ihre wirtschaftliche Handlungsfähigkeit stärken und zugleich die großen Herausforderungen bei Verwaltung, Verkehr und Wohnungsbau bewältigen? Über diese und weitere Fragen diskutierten Mitglieder der Sektion Kiel des Wirtschaftsrates unter der Leitung von Dagobert Michelsen bei einem politischen Mittagsgespräch mit Dr. Samet Yilmaz, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Kiel. Das neu gewählte Stadtoberhaupt hatte die Teilnehmer in das Ratsherrenzimmer des Kieler Rathauses eingeladen, um mit Unternehmern aus Stadt und Region über die Perspektiven des Wirtschaftsstandortes zu sprechen.
Zu Beginn machte Yilmaz deutlich, dass seine vorherige Tätigkeit als Wirtschaftsdezernent auch sein Verständnis vom Amt des Oberbürgermeisters präge. Kiel verfüge über großes Potenzial, müsse dieses aber konsequenter nutzen. Angesichts der geopolitischen Veränderungen und eines zunehmenden internationalen wirtschaftlichen Wettbewerbs komme der Handlungsfähigkeit von Städten, Ländern und Bund eine besondere Bedeutung zu.
Eine zentrale Rolle spiele dabei der Abbau von Bürokratie. Verwaltungsprozesse müssten schneller und effizienter werden. Auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz könne nach Ansicht des Oberbürgermeisters dazu beitragen, den Verwaltungsapparat zu entlasten und Abläufe zu beschleunigen. Entscheidend sei die Frage, wie aus einer Verwaltung stärker auch ein Dienstleister für Bürger und Unternehmen werden könne.
Unternehmen brauchen Verlässlichkeit
Für Unternehmen seien insbesondere drei Faktoren ausschlaggebend, wenn sie sich für einen Standort entscheiden: „Verlässlichkeit, Tempo und Klarheit.“ Mit den Worten „Wir sind für Sie da“ unterstrich Yilmaz den Anspruch, den Dialog zwischen Rathaus und Wirtschaft zu intensivieren.
Probleme müssten dabei offen benannt werden. „Ein starker Staat ist ein Staat, der Probleme erkennt“, so Yilmaz. Nur wenn Schwierigkeiten frühzeitig angesprochen würden, könnten Lösungen schneller gefunden werden. Für die notwendige Modernisierung brauche es aus seiner Sicht Kraft, Mut und Kreativität.
Seine Rolle als Oberbürgermeister verglich Yilmaz in Teilen mit der eines CEO. Zugleich warnte er davor, Verwaltungsstrukturen eins zu eins nach unternehmerischen Maßstäben organisieren zu wollen. Das Kieler Rathaus sei zwar ein Großunternehmen, erfülle aber andere Aufgaben und unterliege anderen Rahmenbedingungen als ein privatwirtschaftlicher Betrieb.
Die Veränderung einer großen Verwaltung verglich er mit dem Kurswechsel eines Kreuzfahrtschiffes: Das Ruder lasse sich nicht innerhalb kürzester Zeit herumreißen. Gleichzeitig müsse es möglich sein, kleinere „Schnellboote“ einzusetzen und einzelne Projekte schneller voranzutreiben.
Stadtbahn bleibt zentrales Verkehrsprojekt
Ausführlich diskutierten die Teilnehmer über die zukünftige Verkehrspolitik der Landeshauptstadt. Dabei verwies Yilmaz auf die besonderen geografischen Voraussetzungen Kiels. Die Lage der Stadt rund um die Förde erschwere die Planung leistungsfähiger Verkehrsachsen und stelle sowohl den Individualverkehr als auch den öffentlichen Personennahverkehr vor besondere Herausforderungen.
An dem geplanten Stadtbahnprojekt hält der Oberbürgermeister fest. Der bestehende Busverkehr stoße bei seiner Taktung bereits an Grenzen. Zusätzliche Kapazitäten seien deshalb erforderlich, um den öffentlichen Personennahverkehr langfristig leistungsfähig zu halten. Die Stadtbahn sei für ihn dabei nicht nur eine verkehrspolitische, sondern auch eine soziale Frage, da Mobilität eine wesentliche Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe sei.
Von Unternehmerseite wurde auf mögliche Auswirkungen auf den Wirtschafts- und Lieferverkehr hingewiesen. Eine Neuordnung des Verkehrs dürfe nicht dazu führen, dass betriebliche Verkehre zusätzlich eingeschränkt würden. Yilmaz sprach sich dafür aus, die verschiedenen Verkehrsmittel stärker miteinander zu verzahnen und sektorales Denken zu überwinden. Ziel müsse ein Verkehrssystem sein, in dem die unterschiedlichen Mobilitätsformen sinnvoll ineinandergreifen.
Wohnraum wird zum Standortfaktor
Auch die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum bezeichnete Yilmaz als eine der zentralen Aufgaben der kommenden Jahre. „Wir können uns nicht erlauben, mit der Lösung dieser Frage zu lange zu warten“, betonte der Oberbürgermeister. Zusätzliche Wohnungen seien nicht nur aus sozialen Gründen notwendig, sondern zunehmend auch ein wichtiger Standortfaktor für Unternehmen.
Als einen möglichen Ansatz nannte Yilmaz eine stärkere Nutzung vorhandener Flächen und eine Nachverdichtung bestehender Quartiere. Zusätzlicher Wohnraum könne zugleich dazu beitragen, Kiel als Hochschulstandort attraktiver zu machen und neue Fachkräfte an die Region zu binden.
Besondere Potenziale sieht der Oberbürgermeister dabei in der Verbindung von Hochschulen und Wirtschaft. Insbesondere die Bereiche Informatik und Wirtschaftswissenschaften könnten dazu beitragen, die Fachkräftebasis der Region weiter auszubauen und den wirtschaftlichen Wandel zu unterstützen.
Kiel gewinnt geopolitisch an Bedeutung
Eine wachsende wirtschaftliche Bedeutung für Kiel sieht Yilmaz zudem im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft. Die geopolitische Entwicklung rücke die Landeshauptstadt mit ihrer Marinegeschichte und ihrer Funktion als Bundeswehr- und Marinestandort wieder stärker in den Fokus. Damit verbunden seien auch neue Perspektiven für Unternehmen der Verteidigungs- und maritimen Wirtschaft.
Für die kommenden Jahre kündigte Yilmaz an, Verwaltungs- und Entscheidungsprozesse gezielt beschleunigen zu wollen. Unter dem Arbeitstitel „Kiel.Jetzt.“ soll ein Initiativprogramm entstehen, das dazu beiträgt, Hemmnisse schneller zu identifizieren und Verfahren für Bürger und Unternehmen zu vereinfachen.
Zum Abschluss machte der Oberbürgermeister deutlich, dass er bei der Vielzahl der anstehenden Herausforderungen Prioritäten setzen müsse. Er wolle nicht ausschließlich auf akute Probleme reagieren, sondern strukturelle Veränderungen anstoßen und dabei die langfristige Entwicklung der Landeshauptstadt im Blick behalten.