Bildung als Wirtschaftsfaktor – Wie Unternehmen die Fachkräfte von morgen sichern
Unbesetzte Ausbildungsplätze, fehlende Grundkompetenzen und sich rasant verändernde Berufsbilder stellen Unternehmen vor große Herausforderungen. Zugleich übernehmen Betriebe immer häufiger Qualifizierungsaufgaben, die bereits im Bildungssystem geleistet werden müssten. Wie junge Menschen besser auf die Arbeitswelt vorbereitet und Unternehmen bei der Sicherung ihres Fachkräftenachwuchses unterstützt werden können, stand daher im Mittelpunkt einer gemeinsamen Veranstaltung der Landesverbände Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland des Wirtschaftsrates der CDU e.V. in den Räumen des Bechtle IT-Systemhauses Frankfurt am Main. Ganz herzlich wurden die Teilnehmer und Referenten der Veranstaltung von Gastgeber und Geschäftsführer Alfredo Rubina begrüßt.

Prof. Dr. Julia Knopf, Leiterin des Forschungsinstituts Bildung Digital sowie Gründerin und Gesellschafterin der Didactic Innovations GmbH machte in ihrem Eingangsstatement deutlich, dass Lehrerinnen und Lehrer stärker dazu befähigt werden müssten, junge Menschen auf die Berufe von heute und morgen vorzubereiten. Dafür brauche es neben einer modernen technischen Ausstattung vor allem passende didaktische Konzepte, praxisnahe Fortbildungen und eine strategische Schulentwicklung. Digitale und datengestützte Bildungsangebote seien in Deutschland grundsätzlich möglich, würden bislang jedoch zu selten konsequent genutzt. Zugleich müsse die Berufsorientierung den Erwartungen der Generationen Z und Alpha gerecht werden und jungen Menschen vermitteln, wofür sie lernen und welche Perspektiven ihnen offenstehen.
Wie groß die Lücke zwischen Erkenntnis und Umsetzung ist, zeigte sich am Beispiel der betrieblichen Weiterbildung. Zwar geben 78 Prozent der Unternehmen an, deren Bedeutung erkannt zu haben, doch lediglich zwölf Prozent verfügen über eine konkrete Strategie. Angesichts von Künstlicher Intelligenz, demografischem Wandel und wirtschaftlicher Transformation müsse Weiterbildung jedoch zu einer strategischen Daueraufgabe werden. Bildung müsse deshalb politisch priorisiert sowie finanziell und strukturell stärker verankert werden. Zusätzliche Mittel allein reichten nicht aus. Entscheidend sei, dass sie tatsächlich bei Schulen, Lehrern und Schülern ankommen und ihre Wirkung anhand nachvollziehbarer Ergebnisse überprüft werde.
In seinem anschließenden Vortrag rückte Daniel Terzenbach, Vorstand der Regionen der Agentur für Arbeit die langfristigen Veränderungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt in den Mittelpunkt. Die demografische Entwicklung stelle inzwischen nahezu alle Regionen vor große Herausforderungen. Künftig stünden rund 100 älteren Arbeitnehmern nur noch etwa 60 junge Menschen gegenüber. Deutschland könne es sich daher nicht leisten, vorhandene Potenziale ungenutzt zu lassen.

Auch der hohe Wert der dualen Ausbildung wurde explizit hervorgehoben. Teilqualifikationen könnten dabei helfen, auch jungen Menschen und Beschäftigten mit erschwerten Voraussetzungen schrittweise den Zugang zu anerkannten Berufsabschlüssen zu ermöglichen. Ein Berufsabschluss sei für Unternehmen eine wichtige Orientierung, da er zeige, dass ein junger Mensch eine anspruchsvolle Aufgabe über einen längeren Zeitraum verfolgt und erfolgreich beendet habe. Um auch Menschen zu erreichen, für die eine dreijährige Ausbildung zunächst nicht realistisch sei, müssten Teilqualifikationen systematisch ausgebaut. Dabei werde die Ausbildung in anerkannte Abschnitte gegliedert, die später zu einem vollständigen Berufsabschluss zusammengeführt werden können. So könnten jungen Menschen und Beschäftigten neue, realistische Zugänge zu anerkannten Qualifikationen eröffnet werden.
Mit Sorge wurde darauf verwiesen, dass immer mehr junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen. Zugleich erschwerten mangelnde Sprachkenntnisse vielen den Einstieg in Ausbildung und Beschäftigung. Da rund 27 Prozent aller Arbeitnehmer einen Migrationshintergrund hätten, müssten sich Unternehmen zunehmend auch bei Sprachförderung, Integration und persönlicher Stabilisierung engagieren. Betriebe würden dadurch teilweise zum „sozialen Reparaturbetrieb“, hätten angesichts des Fachkräftemangels jedoch kaum eine Alternative.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den schnellen Veränderungen der Arbeitswelt durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Berufsbilder wandelten sich zunehmend schneller, während Bildungspläne und Ausbildungssysteme nur langsam angepasst würden. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit, Berufsorientierung früher und verbindlicher an Schulen zu verankern. Besonders Praktika könnten dazu beitragen, realistische Einblicke in Berufsbilder zu vermitteln und spätere Ausbildungs- oder Studienabbrüche zu vermeiden.

In der anschließenden Podiumsdiskussion vertieften Christian Eichenberger, CEO und Vorstandsvorsitzender der Rent.Group, Prof. Dr. Julia Knopf, Leiterin des Forschungsinstituts Bildung Digital sowie Gründerin und Gesellschafterin der Didactic Innovations GmbH, Daniel Terzenbach, Vorstand Regionen der Bundesagentur für Arbeit, und Christopher Textor, Abteilungsleiter im Hessischen Kultusministerium, die Fragen rund um Bildung, Berufsorientierung und die Zukunft des Arbeitsmarktes. Moderiert wurde die Diskussion von Udo Krauß, Vorsitzender der Landesfachkommission Bildungs- und Arbeitsmarkt und Sprecher des Netzwerks Arbeit 4.0 des Wirtschaftsrates Hessen.
Einigkeit bestand darin, dass Lesen, Schreiben und Rechnen weiterhin die unverzichtbaren Grundlagen erfolgreicher Bildung bilden. Zugleich brauche es feste Kooperationen zwischen Schulen und regionalen Unternehmen. Diskutiert wurde unter anderem der Vorschlag, dass jede Schule mehrere verbindliche Partnerschaften mit Industrie- und Ausbildungsbetrieben eingehen sollte.
Auch Lehrer sollten stärker mit der betrieblichen Praxis in Berührung kommen. Praktika in Unternehmen könnten ihnen helfen, aktuelle Arbeitsabläufe, Berufsbilder und Kompetenzanforderungen kennenzulernen und dieses Wissen in den Unterricht sowie in die Berufsberatung einfließen zu lassen. Eine solche Praxiserfahrung könne bereits während des Studiums beginnen. Damit verbunden sei die grundsätzliche Frage, welche Rolle Lehrer in der Gesellschaft einnehmen und ob sie die notwendige Anerkennung und Unterstützung erhalten, um junge Menschen wirksam zu begleiten.
Zur Sprache kamen außerdem die Schwierigkeiten, Teile der heranwachsenden Generation zu erreichen. Besonders die zunehmende Vereinsamung junger Männer und ihre fehlende Anbindung an Schule, Ausbildung und Gesellschaft wurden als ernstzunehmende Herausforderung beschrieben. Initiativen wie JOBLINGE zeigten, wie junge Menschen durch individuelle Begleitung, praktische Erfahrungen und verlässliche Ansprechpartner neue Perspektiven entwickeln können.
Neben strukturellen Reformen gehe es auch um eine grundlegende Haltung. Leistungsbereitschaft, Eigenverantwortung und beruflicher Aufstieg müssten wieder stärker als Chancen vermittelt werden. Lernen könne Freude bereiten, erfordere aber ebenso Anstrengung, Disziplin und Verantwortungsbereitschaft. Deutschland verfüge bereits über zahlreiche erfolgreiche Initiativen und Instrumente. Nicht jede Lösung müsse neu erfunden werden. Vielmehr gelte es, bewährte Modelle konsequenter zu verbreiten und dauerhaft in den Strukturen zu verankern.
Die Herausforderungen im Bildungs- und Arbeitssektor sind bekannt. Jetzt braucht es den Mut, Bildung, Berufsorientierung und Fachkräftesicherung ganzheitlich zu denken. Weniger Einzelinitiativen, mehr langfristige Strategien – damit junge Menschen Perspektiven entwickeln und Unternehmen auch in Zukunft die Fachkräfte finden, die sie benötigen.
Unser herzlicher Dank gilt allen Podiumsteilnehmern für die klaren Impulse und die offene Debatte, dem Bechtle IT-Systemhaus Frankfurt am Main für die Gastfreundschaft sowie allen Teilnehmern für den engagierten und erkenntnisreichen Austausch.