Gesundheitsversorgung vor großen Herausforderungen
Wie kann eine hochwertige und zugleich bezahlbare Gesundheits- und Pflegeversorgung langfristig gesichert werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Wiesbadener Hauptstadtgesprächs des Wirtschaftsrats Hessen.
Stefan Huhn, Vorstandsmitglied der R+V Krankenversicherung AG, betonte die Bedeutung des dualen Systems aus gesetzlicher (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV) für Deutschland. Angesichts steigender Kosten müsse jedoch die Frage gestellt werden, wie eine bezahlbare Gesundheitsversorgung dauerhaft gewährleistet werden könne. Dabei ging es auch darum, welche Leistungen künftig in welchem Umfang noch von der GKV getragen werden könnten. Huhn regte an, stärker zwischen notwendiger Grundversorgung und zusätzlichen Leistungen zu unterscheiden und die bisherige „Vollkasko-Mentalität“ im Gesundheitswesen zu hinterfragen. Die verabschiedete Gesundheitsreform bewertete er als guten Kompromiss. Dass niemand vollständig zufrieden damit sei, spreche aus seiner Sicht nicht gegen die Reform, sondern sei bei einem Ausgleich unterschiedlicher Interessen geradezu folgerichtig. Entscheidend sei, einen tragfähigen Kompromiss zwischen den verschiedenen Akteuren des Gesundheitswesens zu finden.

An diese Frage nach der langfristigen Finanzierbarkeit schloss die Perspektive von Diana Stolz, Hessische Ministerin für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege, unmittelbar an. In ihrem Impuls richtete sie den Blick insbesondere auf die Zukunft der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung. Die Herausforderungen ließen sich nicht einzeln lösen, sondern erforderten einen kontinuierlichen Austausch mit allen relevanten Partnern. Neben Wachstum, Innovation und der Sicherung von Fachkräften müsse vor allem die Versorgungssicherheit gewährleistet bleiben.
Deutschland verfügt über eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, bei der Lebenserwartung liegt das Land jedoch nur im Mittelfeld. Daraus ergibt sich ein deutlicher Handlungsauftrag, Effizienz und Versorgungsqualität stärker miteinander zu verbinden.
Besonders deutlich wird dieser Handlungsdruck in der Pflege. Zwar sei die Versorgung derzeit noch vergleichsweise gut aufgestellt, gleichzeitig würden viele Pflegekräfte jedoch in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Allein in Hessen werden dann rund 11.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Daher wird auch die Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland eine große Rolle spielen. Zugleich muss das Berufsbild Pflege wieder in ein positives Licht gerückt werden, vielfach beklagte schlechte Ruf wird der Realität nicht gerecht.

Neben der Gewinnung zusätzlicher Fachkräfte muss es deshalb auch darum gehen, vorhandene Ressourcen besser zu nutzen. Ein zentraler Ansatzpunkt sei der Abbau von Bürokratie. Gerade in der Pflege könnten vereinfachte Verfahren und weniger administrative Belastungen dazu beitragen, mehr Zeit für die eigentliche Versorgung zu schaffen. Gleichzeitig muss offen benannt werden, dass weniger staatliche Vorgaben auch mehr Eigenverantwortung bedeuteten.
Diese Eigenverantwortung spielte auch beim Thema Gesundheitskompetenz und Prävention eine wichtige Rolle. Stolz betonte, dass die Bevölkerung stärker dazu befähigt werden müsse, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Vorsorgeuntersuchungen könnten Krankheiten frühzeitig erkennen und seien deshalb ein wichtiger Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Mehr Prävention könne dazu beitragen, gesundheitliche Probleme frühzeitig zu erkennen und langfristig auch die Belastung des Gesundheitssystems zu reduzieren.
Für Menschen, die im Alltag zunehmend auf Unterstützung angewiesen seien, komme es zudem auf wohnortnahe Strukturen an. Gemeindepflege könne insbesondere für einsame Menschen einen wichtigen Beitrag leisten und Versorgung sowie soziale Teilhabe miteinander verbinden. Stolz sprach sich deshalb dafür aus, die Gemeindepflege in ganz Hessen zu etablieren.
Das Wiesbadener Hauptstadtgespräch machte deutlich, dass die Zukunft der Gesundheits- und Pflegeversorgung nicht an einem einzelnen Stellhebel entschieden werden kann. Sie hängt vielmehr vom Zusammenspiel einer tragfähigen Finanzierung, höherer Effizienz und Innovation, ausreichender Fachkräfte, weniger Bürokratie, stärkerer Prävention und mehr Eigenverantwortung ab. Nur wenn diese Bereiche zusammengedacht würden, kann es gelingen, eine hochwertige und zugleich dauerhaft bezahlbare Versorgung in Deutschland sicherzustellen.
