Indien neu denken: Deutsch-indische Kooperation als strategische Wachstumschance
Indien rückt als wirtschaftlicher, geopolitischer und gesellschaftlicher Partner immer stärker in den Fokus. In Eschborn wurde deutlich: Deutsch-indische Zusammenarbeit reicht längst von Freihandel und Fachkräften bis hin zu Gesundheit, Kultur und Fußball.
Die Weltordnung verändert sich grundlegend. Klassische Bündnisse verlieren an Verlässlichkeit, neue Machtzentren gewinnen an Gewicht, und wirtschaftliche Stärke ist heute enger denn je mit Technologie, Daten und Sicherheitspolitik verbunden. Vor diesem Hintergrund diskutierte der Internationale Kreis des Wirtschaftsrates Hessen gemeinsam mit EY und dem Ostasiatischen Verein, welche Rolle Indien für Deutschland in einer multipolaren Welt einnehmen kann und warum die deutsch-indische Kooperation weit über klassische Handelspolitik hinausgeht.
Nach der Begrüßung durch Florian Brandl, Partner und Rechtsanwalt bei EY, Carola Paschola, Sprecherin des Netzwerkes Internationaler Kreis im Wirtschaftsrat Hessen, und Sören Konaretzki, Regionalmanager ASEAN beim Ostasiatischen Verein, ordnete Dr. Ferdinand Pavel, Chefökonom EY Deutschland und EY-Parthenon, die geopolitische Lage ein. Seine Botschaft war klar: Geopolitische Spannungen sind kein vorübergehendes Phänomen, das wie schlechtes Wetter wieder abzieht. Sie prägen vielmehr dauerhaft die Rahmenbedingungen für Unternehmen, Politik und internationale Partnerschaften. Wer wirtschaftlich handlungsfähig bleiben wolle, müsse globale Abhängigkeiten neu bewerten, strategische Diversifizierung vorantreiben und Partnerschaften mit dynamischen Wachstumsmärkten vertiefen. Indien nehme dabei eine besondere Stellung ein: mit einer jungen Bevölkerung, wachsender wirtschaftlicher Stärke und zunehmendem politischem Gewicht.

Im ersten Podium standen Wirtschaft, Handel und strategische Partnerschaft im Mittelpunkt. Dr. Shuchita Kishore, Generalkonsulin der Republik Indien, Dr. Jürgen Morhard, Botschafter a.D. und Vorsitzender der Deutsch-Indischen Gesellschaft, sowie Christoph Liesche, Vice President Government Affairs & Public Policy Asia & South America bei Fresenius, diskutierten unter der Moderation von Bernhard Steinrücke, Hauptgeschäftsführer a.D. der Deutsch-Indischen Handelskammer, über Chancen und Herausforderungen der Zusammenarbeit. Deutlich wurde: Indien ist kein ferner Zukunftsmarkt mehr, sondern bereits heute ein zentraler Partner für Handel, Investitionen, Healthcare, Fachkräftegewinnung und resiliente Lieferketten.
Gleichzeitig wurde betont, dass der indische Markt nicht mit einfachen Blaupausen erschlossen werden kann. Indien ist vielfältig, regional sehr unterschiedlich geprägt und in seinen administrativen, kulturellen und wirtschaftlichen Strukturen komplex. Wer dort erfolgreich sein möchte, braucht lokale Expertise, verlässliche Partner und einen langen Atem. „Vertrauen ist in Indien keine weiche Zusatzbedingung, sondern die eigentliche Grundlage wirtschaftlichen Erfolgs“, lautete eine zentrale Botschaft der Diskussion. Besonders für deutsche Unternehmen gelte es, nicht nur auf Marktgröße und Wachstumszahlen zu schauen, sondern Beziehungen aufzubauen, klein zu beginnen und Kooperationen schrittweise zu vertiefen.
Auch das EU-Indien-Freihandelsabkommen wurde als wichtiger strategischer Rahmen diskutiert. Es kann neue Möglichkeiten für Handel und Investitionen eröffnen, muss jedoch durch konkrete Projekte, abgestimmte Standards und belastbare Netzwerke mit Leben gefüllt werden. Gerade bei Regulierung, Marktzugang und Lieferketten zeigte sich, wie wichtig eine stärkere Harmonisierung ist. Regeln müssten nicht identisch sein, aber anschlussfähig und verlässlich. Europa stehe hier vor der Aufgabe, schneller, geschlossener und pragmatischer zu handeln. In einer Welt wachsender Unsicherheiten könne Indien für Deutschland und Europa ein wichtiger Partner sein, um wirtschaftliche Resilienz zu stärken und einseitige Abhängigkeiten zu reduzieren.
Christoph Liesche gab aus Sicht von Fresenius Einblicke in die Bedeutung Indiens für den Gesundheitssektor. Healthcare, Pharma und Versorgungssicherheit seien zentrale Felder, in denen deutsch-indische Zusammenarbeit erhebliches Potenzial entfalten könne. Die Diskussion machte deutlich, dass resiliente Gesundheitssysteme nicht allein national gedacht werden können. Sie benötigen stabile internationale Partnerschaften, diversifizierte Lieferketten und ein besseres Verständnis unterschiedlicher regulatorischer Rahmenbedingungen.
Im zweiten Podium weitete sich der Blick auf einen Bereich, der in außenwirtschaftlichen Debatten häufig unterschätzt wird: den Sport. Mit Raghav Anand von EY-Parthenon, Debjit D. Chaudhuri, Unternehmer und Fußballclubbesitzer, sowie Peer Niclas Naubert, Geschäftsführer von Bundesliga International, moderiert von Hermann Muehleck, wurde das enorme Potenzial des indischen Sportmarktes beleuchtet. Fußball kann dort nicht nur als kommerzielles Wachstumsfeld verstanden werden, sondern auch als kulturelle Brücke zwischen Märkten und Menschen.

Die Grundlagen dafür sind bereits gelegt. Deutsche Fußballakteure engagieren sich in Indien mit Kooperationen, Nachwuchsprogrammen, Medienangeboten und Formaten, die Nähe zu Fans schaffen. Peer Niclas Naubert verwies auf die Arbeit von Bundesliga International, die unter anderem auf Content Creators, Watch-Partys, Clubkooperationen und die stärkere Einbindung indischer Medien setzt. Dabei gehe es nicht nur um Elitefußball, sondern auch um Fußballschulen, Nachwuchsförderung und langfristige Präsenz. Indien wurde als einer der wichtigsten Wachstumsmärkte beschrieben, nicht zuletzt wegen einer schnell wachsenden Mittelschicht, zunehmender Mediennutzung und steigender Sponsoringpotenziale.
Debjit D. Chaudhuri machte deutlich, dass Investitionen in den indischen Fußball gerade jetzt besonders interessant seien. Der Markt entwickle sich dynamisch, und die emotionale Kraft des Sports könne helfen, deutsch-indische Beziehungen auf eine neue Ebene zu heben. Fußball schaffe Sichtbarkeit, Identifikation und persönliche Verbindungen, Faktoren, die auch wirtschaftliche Kooperationen stärken können. Langfristig sei entscheidend, nicht kurzfristigen Reichweiten hinterherzulaufen, sondern nachhaltige Strukturen aufzubauen: durch Jugendaustausch, Training, Partnerschaften mit Clubs und echte Präsenz vor Ort.
Zum Abschluss fasste Erhard Seeger, Netzwerksprecher Familienunternehmen und Mittelstand im Wirtschaftsrat Hessen, die Bedeutung des Abends zusammen. Deutsch-indische Kooperation gehe weit über Handelspolitik hinaus. Sie umfasse Industrie, Fachkräfte, Gesundheit, Regulierung, Kultur und Sport. Entscheidend sei nun, aus strategischer Aufmerksamkeit konkrete Partnerschaft zu machen, mit Projekten, belastbaren Beziehungen und einer klaren Vorstellung davon, welche Rolle Deutschland in einer multipolaren Welt einnehmen will.

Wir bedanken uns ganz herzliche bei EY und insbesondere Herrmann Muehleck für die freundliche Unterstützung, die herzliche Gastfreundschaft und den anschließenden Empfang, der den Abend in angenehmer Atmosphäre ausklingen ließ.